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Panik hinterm Steuer

Es kann jeden Autofahrer treffen: Plötzliche Schweißausbrüche, Herzrasen, Atemnot. Wen der Horror beim Fahren packt, ist arm dran, aber nicht allein. Fahrangst ist ein weit verbreitetes Phänomen.

Eine Fahrt kann alles verändern

Seit Stunden sitzt Simone Well am Steuer ihres Audi. Die Fahrt von Köln nach München ist so ermüdend wie hundert andere, die die Geschäftsfrau Monat für Monat absolviert. Und plötzlich, mitten auf der Rheinbrücke bei Speyer, fängt ihr Herz wild an zu pochen. Sie verkrampft, reißt am Steuer, tritt auf die Bremse und schafft es gerade noch bis zur nächsten Parkbucht. Seitdem ist alles ganz anders.

Fahrangst die häufigste der bekannten Phobien

Amaxophobie nennt sich das Phänomen – Fahrangst -, und jeden kann es treffen. Unter den mehr als 600 bekannten Phobien ist Fahrangst die häufigste. Die genaue Zahl der Betroffenen ist unbekannt, Schätzungen zufolge leiden zwischen ein und vier Millionen Menschen darunter. Die überfallartige Panik kann beim Durchfahren von Tunneln auftreten, auf Brücken oder nach kritischen Verkehrssituationen. Seltener ist ein selbst erlebter Unfall der unmittelbare Auslöser.

Frauen lassen sich eher therapieren

Leiden nun mehr Frauen oder Männer unter Fahrangst? Auch das ist ungewiss. Die meisten Experten gehen aber von einer Überzahl Frauen aus. Vor allem jene, denen es an Fahrpraxis mangelt und die plötzlich gezwungenermaßen zu Vielfahrerinnen werden, trifft es nach Erfahrung der Therapeuten am häufigsten. Allerdings sind Frauen grundsätzlich offener gegenüber therapeutischen Verfahren und sprechen auch eher über ihre Beschwerden. Männer, die großen Verdränger, suchen erst Hilfe, wenn gar nichts mehr geht.

 

Die Diplo-Psychologin Karin Koch leitet in Kooperation mit dem Psychologischen Institut RheinRuhr die Praxis für Verkehrspsychologie und Psychotherapie. Im Gespräch mit Carmour erläutert sie das Phänomen Fahrangst.

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carmour: Seit wann gibt es die Verkehrspsychologie?

Koch: Erstaunlich, aber wahr: Die Anfänge der Verkehrspsychologie liegen bereits im 19. Jahrhundert. Mit dem beginnenden (öffentlichen) Personentransport wurden erstmals Maßnahmen zur Überprüfung der Fahreignung der Chauffeure vorgeschrieben.

carmour: Welche Bedeutung hat im Rahmen Ihrer Tätigkeit das Thema Fahrangst?

Koch: Natürlich benötigen nicht nur Führerscheinverlierer, „Punktesammler“ und Straftäter psychologische Begutachtung oder Begleitung. Bei den ängstlichen Autofahrern handelt es sich um eine Gruppe mit einer großen Dunkelziffer, allerdings nimmt ihre Zahl – hauptsächlich Frauen – , die ihre Fahrängste bekämpfen möchten, stetig zu, dementsprechend hoch ist der Bedarf an Therapieplätzen.

carmour: Bieten Fahrschulen Therapieprogramme an?

Koch: Ja, allerdings gibt es für Fahrangst-Seminare keine Qualitätsstandards. Viele Fahrschulen kooperieren zum Glück mit Verkehrspsychologen, auch ich habe für die Therapierung von Fahrängsten seit Jahren eine Fahrschule als Partner. So ist die erste Fahrt eines Fahrangst-Seminarteilnehmers eine diagnostische Fahrt in psychologischer Begleitung, denn auch hier muss geschaut werden, ob ein Verdacht auf eine Störung mit Krankheitswert vorliegen könnte.

carmour: Sind Fahrlehrer denn qualifiziert genug?

Koch: Leider ist festzustellen, dass viele Fahrlehrer ihre psychologischen Fähigkeiten überschätzen und vor allem die Fahrangst als Phänomen für sich betrachten und es nicht in einen größeren Zusammenhang mit dem Rest der Persönlichkeit stellen.

carmour: Ist Fahrangst oft auch Teil einer umfassenderen Störung?

Koch: Die Anlässe für die Furcht vor dem Autofahren sind sehr unterschiedlich. Posttraumatische Belastungsstörungen wie z.B. nach einem schweren Unfall bei sich selbst oder im engen Familienkreis spielen im Rahmen unserer Arbeit eigentlich keine so große Rolle. Eher tritt Angst vor dem Kontrollverlust ab einer bestimmten Geschwindigkeit auf, Angst von Beifahrern, aber auch Angst vor der Unübersichtlichkeit des Verkehrs und davor, sich zu verfahren.

carmour: Also Stress-Symptome?

Koch: Häufig handelt es sich bei Fahrangst nur um eine aus dem Alltag auf das Autofahren übertragene Stress-und Angstreaktion, da das Autofahren durch das Gehirn als gefährlich eingestuft wird, auch wenn die Stresssymptome eigentlich eine ganz andere Ursachen haben.

carmour: Wie lautet Ihr therapeutischer Ansatz?

Angst kann überwunden werden. Größtes Problem der Angst ist die Vermeidung von angstmachenden Situationen. Frauen neigen eher zu Fahrangststörungen beziehungsweise gehen mit ihrer Angst anders um als Männer, die dazu neigen, ihre Ängste so lange auszuhalten, bis sie sich tatsächlich manchmal einfach verlieren.

carmour: Frau Koch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

 

Quelle: carmour

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