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Warum der Temporausch so menschlich ist

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Gibt es eine verhaltenspsychologische Erklärung für Mobilität, vor allem für Mobilität bei hoher Geschwindigkeit? Obwohl Tempo 20 dem nicht motorisierten Menschen angemessen ist, rast er im Auto mit Tempo 200 über die Autobahn. Damit sind unsere Instinkte eigentlich überfordert. Dennoch gibt es eine Erklärung für unsere Temposucht: Wer forscht, der fährt.

Rasende Zeiten

Bereits Aristoteles sah in hohen Geschwindigkeiten eine Bedrohung der menschlichen Gesundheit: Er lehnte die Fortbewegung zu Pferd ab. Und als die ersten Eisenbahnen mit bis zu 50 km/h durch die Gegend dampften – der dreifachen Reisegeschwindigkeit einer Postkutsche, warnten Wissenschaftler  vor Gesundheitsschäden.

Postkutsche
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Autofahren scheint so einfach zu sein. Psychologisch betrachtet entsteht der besondere Kick durch die subjektiv empfundene Beherrschung eines unkalkulierbaren Risikos. Und wenn es dann wirklich geknallt hat, fragen sich viele nach dem ersten Schock, wie es so lange gut gehen konnte mit der Raserei.

Mobilitätsbedürfnis und Expansionsdrang

Warum sind Menschen nun trotz Aristoteles mobil und warum am liebsten bei so hoher Geschwindigkeit? Hätte der Mensch nicht dieses extreme Mobilitätsbedürfnis, dann hätte er niemals die ganze Erde besiedelt. Der Blick zum Horizont zieht die Sehnsucht nach Mobilität nach sich, mein Bernt Spiegel, Verhaltensforscher, Psychologe und Deutschlands profiliertester Fahrtrainer in seinem Buch „Die obere Hälfte des Motorrads“, das als Klassiker der Fahrforschung gilt. Als „konstruktive Geschwindigkeit des Menschen bezeichnet der bereits 84-jährige Autor und leidenschaftliche Motorradfahrer 20 km/h, also die Geschwindigkeit, die ein Läufer erreichen kann. An alles andere kann sich das Gehirn zwar gewöhnen, die Instinkte aber nicht. Der Drang des Menschen, sich schneller fortzubewegen als ihm eigentlich gut tut, ist laut Spiegel Ausdruck unseres forschenden Geistes: Wer forscht, der fährt.

Übung macht den Meister

Schnelles und gutes Fahren ist trainierbar. Methoden zur Optimierung des Fahrverhaltens und des Reaktionsvermögens wurden von Bernt Spiegel während seiner Zeit als Professor der Universität Göttingen entwickelt. Selbst Rennfahrer schwören auf seine Übungen. Manche muten auf den ersten Blick etwas schräg an. Geht es darum, in schwierigen Situationen locker zu bleiben, empfiehlt Spiegel, eine Kaffeebohne zwischen die Zähne zu nehmen. Der Moment, an dem sie zerbissen wird, zeigt exakt an, wann der Fahrer überfordert ist. Beim  Bierdeckeltest wiederum kommt es darauf an, die am Boden liegende Pappe mit den Reifen zu berühren. Das gelingt in der Regel erst dann, wenn man nicht mehr auf den Deckel starrt. Diese Übungen erprobt Bernt Spiegel laufend an sich selber und führt darauf seine Fähigkeit zurück, trotz seines hohen Alters mit seiner 178 PS-starken Honda Fireblade noch immer flott durch die Gegend zu brausen.

Komplexität und Gewöhnung

Fahren ist eine äußerst komplexe Angelegenheit. Man denke nur an den banalen Tankstopp:  punktgenaues Anhalten dort, wo Zapfpistole und Tank sich direkt gegenüberliegen. Das schafft nicht jeder, weshalb es kein Zufall ist, dass die Benzinschläuche an den Säulen so lang sind.

Und was passiert in echten Notsituationen? In Schrecksekunden seien Automatismen suspendiert, so Bernt Spiegel. Was in der Fahrpraxis und bei speziellen Fahrtrainings mühsam erlernt wurde, droht in einer überraschenden Situation völlig auszufallen. Einen ähnlichen Effekt der “Fertigkeitsverluste”, wie Spiegel es nennt, erfährt der Mensch nicht nur in Schrecksekunden, sondern auch bei Fahrpausen. Durch den Spannungs- und Konzentrationsabfall verlieren viele Fahrer gewisse Fertigkeiten und müssen sich nach der Pause richtiggehend wieder einfahren.

Viel Übung hat zweifelsohne einen positiven Effekt beim Autofahren. Bernt Spiegel vertritt die Auffassung, dass selbst einem Höhlenmenschen das Autofahren beizubringen wäre. An den Kapazitäten des Gehirns habe sich in den letzten 30 000 Jahren nicht viel geändert. Moderne Menschen sind nur von Kindheit an sehr viel besser an Tempo gewöhnt. Ein Höhlenmensch hinterm Steuer stünde allerdings so unter Stress, dass er Übersprunghandlungen begehen könnte, also z. B. den  Beifahrer beißen.

Realistische Selbstwahrnehmung

Temporausch

Natürlich sind Vorsicht und Umsicht beim Auto- und Motorradfahren immer geboten. Das heißt aber nicht unbedingt, dass man immer langsam fahren sollte, denn geringe Geschwindigkeiten können gerade geübte Fahrer unterfordern und zu Konzentrationsverlusten führen.  „Für einen geübten Fahrer gibt es nichts Einfacheres und Besseres, als an seiner physikalischen Grenze entlangzufahren.” Spiegel ist wohl der einzige 84-jährige Fireblade-Pilot, dem man so einen Satz abnimmt. Für alle Fahrer jedoch existiert ein gemeinsames psychologisches Problem: Wie und wann spüre ich, ob ich mein Fahrzeug und meine Reaktionen wirklich beherrsche? Neben dem Fahrtraining empfiehlt sich deshalb eine permanente Schulung der Selbstwahrnehmung.

Quelle: carmour

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