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Wie Kultautos entstehen – Folge II

Citroën 2CV Foto: Citroën

In der ersten Folge versuchten wir zu erklären, was die Aura eines Autos ausmacht. In Teil II untersuchen wir den Zusammenhang von Zeitgeist, Ente, Käfer und Co.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Eine simple Erklärung für den Kultstatus eines Autos könnte sein, dass viele dieser Modelle zur richtigen Zeit am richtigen Ort entstanden sind. Das gilt sicher für die Nummer eins der deutschen Kultautos, den VW Käfer. Er kam zum rechten Zeitpunkt. Er ist nicht besonders schön, keineswegs schnell oder sparsam, und technische Avantgarde kann er auch nicht bieten. Und doch verkörpert der noch zu Zeiten der Nazi-Herrschaft entwickelte Wagen die Aufbruchsstimmung der fünfziger und sechziger Jahre wie kaum ein anderes Auto. Obwohl eher billig und damit weit verbreitet, steht er für den damaligen neuen Wohlstand, für die ersten kleinen Fluchten aus der Enge der familiären Wohnküche, für die erste Sommerreise nach Italien ans Meer – kurzum: für eine Atmosphäre, die in vielen schrecklich-schönen Kinoklamotten jener Jahre – Stichwort Heinz-Erhardt – wunderbar transportiert wurde.

VW Käfer  Foto Volkswagen
VW Käfer, Foto: Volkswagen

Ebenfalls aufgeladen mit Erinnerungen und Assoziationen ist der Mercedes-Benz Strich-Acht. Auch er transportierte weitaus mehr als Menschen, Möbel und Kisten voller Schallplatten. Gestartet als Auto des ehrgeizigen mittleren Angestellten wurde dieser Mercedes später gerne von Freaks und Musikern übernommen, die Wert auf ihre äußere Erscheinung legten. Der Erstbesitzer des Mercedes hat mit dem Benz in den Siebzigern die Rüsselsheimer Hierarchieleiter verlassen – vom Kadett über Ascona und Commodore – und sich im Establishment festgesetzt. Die nachfolgende Generation setzte mit verrotteten Strich-Achtern insgeheim den Protest gegen die da oben fort, die sie seit dem Stapellauf des Wagens 1968 so emsig bekämpften.

Der Volvo 244 ist auch so ein Beispiel: Begegnet man dem Schweden, tauchen gleich die frühen Achtziger vor dem inneren Auge auf. Erinnerungen an die Schule werden wach, weil speziell Lehrer damit fuhren. Mit seinen kantigen Linien und den schweren Stoßstangen verkörperte er die Sachlichkeit jener Zeit und das Sicherheitsstreben des typischen Beamten. Ein wenig individueller trägt der Saab 900 diesen Zeitgeist in sich, den eher linksliberale Leute mit zur Schau getragener Entschleunigung und Tendenz zum Pfeife rauchen fuhren. Heute würde man unter diesem Prototyp des Saabfahrers viele Menschen finden, die aus Vernunftgründen wahrscheinlich gar kein Auto mehr besitzen würden.

Autos als Grenzüberschreiter

Die kollektive Psyche und die mit einem Automodell verbundenen Assoziationen sind weder kalkulierbar, noch sind sie an der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen „Klassen“ festzumachen. Der bereits erwähnte Mercedes Benz-Strich-Acht ist ein wunderbares Beispiel hierfür, ebenso wie der Ur-Mini. Geliebt und gefahren auf Rallyes und von Prinzessinnen, von Beatles und Punks, von Brigitte Bardot, aber auch von älteren Damen. Ein echter Grenzüberschreiter dieser Mini, der die  Popmusik der Swinging Sixties begleitete. Es war die Zeit, in der erstmals Menschen, die der Arbeiterklasse entstammten, zu Weltstars wurden, so wie eben John Lennon. Man fühlte sich herrlich jung im Mini, die Frauen trugen dazu den Mini, und eine ganze Flower-Power-Generation ließ sich Zeit mit dem Erwachsenwerden.

Ebenso in der kollektiven Psyche fest verankert hat sich der 2CV – nicht nur in Frankreich. Das liebevoll als „Ente“ titulierte Vehikel hatte nicht nur die Form, sondern auch den watschelnden Gang des Spitznamen gebenden Tiers und fasziniert heute durch seinen Minimalismus in Bauweise und Ausstattung. Für die meisten ist die Ente grün, blau oder rot-schwarz, auf der Heckklappe klebt ein großer Sticker, “Atomkraft? Nein Danke”, und dann geht’s ab‚ Tüte rauchen, Demo, vielleicht auch nur ins nächste Nudistencamp. Die Ente war nur nebenbei ein Auto, sie war eine Lebenseinstellung. Alles Private war politisch, sie war Frauenemanzipation und Adorno, Anti-Vietnam-Bewegung und der Aufstand der Söhne gegen die Kriegsgeneration der Väter. Und das alles, während sie gleichzeitig in der tiefsten französischen Provinz als mobile Hofhure der Bauern unkaputtbar vor sich hin rumpelte. Mit ihr kontrollierte der Landwirt auf unbefestigten Pfaden Zäune und Tiertränken, und abends umfuhr er nach einem guten Vin Rouge querfeldein die Polizeikontrollen. Und auch das – dieser Bestandteil einer scheinbar heilen Welt auf dem Land – trug zu ihrem Mythos bei.

Neue Kultautos wird es kaum geben, dazu ist der Bedeutungsverlust des Autos insgesamt zu groß, die Formen der Fahrzeuge gleichen sich zu sehr an und vor allem dies: Der Glaube an eine heile Welt, in der so vieles nur Spiel ist – er ist vorbei.

 

Quelle: carmour

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