bedenkliches

Rucki Zucki

Foto: Getty Images

Was haben Roman Herzog, Ernst Neger, Angela Merkel und die deutsche E-Mobilität miteinander zu tun? Eine ganze Menge, denn einst sollte ein Ruck durchs Land gehen. Und jetzt?

Am Riemen reißen sollte sich das Land   – also wir – und fit werden für die Zukunft. Das war Roman Herzog. In Berlin regiert eine Politikerin, die behauptet, dass bis 2020 eine Million E-Autos auf unseren Straßen rollen. Das ist Angela Merkel. Rund drei Millionen Pkw wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen. Knapp dreitausend davon waren E-Autos, die meisten in irgendwelchen Carsharing-Projekten oder als grüne Aushängeschilder von Unternehmen. Das ist die deutsche Elektromobilität.

Karneval statt Politik

Nun will die Kanzlerin die CO2-Ziele des EU-Parlaments durch Etablierung sogenannter Super Credits für die deutsche Autoindustrie aufweichen. Wenige E-Autos würden in der Abgasbilanz der Unternehmen mehrfach angerechnet, die hohen CO2-Ausstöße von Edel-Limousinen festgeschrieben und durch ein paar E-Mobile subventioniert. Und damit sind wir beim singenden Dachdeckermeister Ernst Neger.

Rucki Zucki

Wir schütteln unsre Glieder

Und drehn uns dabei um

Das Spielchen ist nicht dumm

Nicht dumm, das Spielchen, das die Kanzlerin spielt. Elektrogipfel-Symbolik für die Wähler, knallhartes Industrie-Lobbying in Brüssel. Ähnliche Widersprüche kennt die Öffentlichkeit bei der Teller-Tank-Diskussion über Biokraftstoffe. Die großen Umweltverbände, unter ihnen BUND, WWF und Greenpeace, haben in einem offenen Brief an die Kanzlerin  reagiert: “Diese sogenannten Super Credits erzeugen lediglich auf dem Papier eine sauberere Flotte, real wird der CO2-Ausstoß jedoch nicht reduziert.”

Das Problem der deutschen Autobauer

Rucki Zucki statt Ruck. Aber nicht mal der würde reichen. Ein tektonisches Beben müsste her, damit E-Mobile kostengünstig produziert werden können. Das sollte im ureigenen Interesse der Industrie sein. Denn ab 2020 dürfen Neuwagen durchschnittlich nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Momentan beträgt  der CO2-Ausstoß aller Pkw aber nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) im Durchschnitt 141,8 Gramm. Ein echtes Problem für jene in der deutschen Autoindustrie, die vor allem mit der Oberklasse ihr Geld verdienen. Klare Zielvorgaben würden da für den notwendigen Innovationsdruck sorgen.

Indifferente Politik

Stattdessen also Super Credits. Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), beklagt die Gleichgültigkeit der Politik: “Die Bundesregierung hat vor zwei Jahren mit großem Getöse das Zeitalter des Elektroautos ausgerufen”, danach sei nichts mehr passiert. Und auch der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg  glaubt nicht mehr an das Ziel von einer Million Elektroautos bis 2020. Er urteilt knapp: “Nach meiner Einschätzung wird es nicht klappen.“

Neue E-Modelle

Nicht alle in der Autoindustrie setzen auf Verzögern und Verhindern. Aus Wolfsburg ist kein Murren zu vernehmen. Dort hat man vor kurzem den Prototypen eines 1-Liter-Autos vorgestellt, und nun werden  die ersten reinen E-Autos im Lauf des Jahres vom Band rollen, darunter E-Versionen des Golfs und des Kleinwagens Up. Und für den chinesischen Markt entwickelt VW  spezielle E-Modelle. Auch bei BMW tut sich was. Dort baut man an der automobilen Zukunft, und die ist ganz aus Karbon und bis zu 300 Kilo leichter als ein Auto aus Blech und Stahl. Der i3 soll so ein Auto aus der Zukunft sein,  im Herbst kommt er auf den Markt. Ob er den Automarkt revolutioniert oder doch nur die CO2-Bilanz des Konzerns aufpolieren soll, wird sich zeigen. Super Credits wären für die Münchner jedenfalls eine feine Sache, denn, so die Kanzlerin: „Super Credits haben eine Super-Bedeutung.“ Na, dann Rucki Zucki.

Link zum offenen Brief der Umweltverbände

Quelle: carmour

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