schlagloch - die carmour-kolumne

Adieu Nissan Micra – Bienvenue Picasso

Foto: Getty Images

Als ich meinen Nissan Micra verkaufte, hatte ich unsentimentaler Mensch plötzlich einen Kloß im Hals. Mit dem Auto sind viele Erinnerungen an meine ersten elf Erwachsenenjahre verknüpft. Zeit für ein bisschen Melancholie.

Der treue Weggefährte

Da fährt er also fort: Mein Stück Freiheit. Mein Ein und Alles. Mein Garant für nächtliche Ausflüge zum nächstliegenden McDonald‘s im Nachbardorf. Knapp elf Jahre war der kleine blaue Nissan Micra mein ständiger Begleiter in allen Lebenslagen. Sogar einen Umzug hatte er mitgemacht – auch wenn ich damals knapp fünf Mal zwischen Siegen und Köln hin- und zurückfahren musste, um endlich alle Sachen beisammen zu haben. Ich versuche eine Träne aus meinem rechten Auge zu blinzeln, als ich den treuen Weggefährten zum letzten Mal um Frau Sieferts scheußliche Ligusterhecke biegen sehe.

Nicht dass ich besonders achtsam mit meinem Auto umgegangen wäre. Aber irgendwie habe ich im Laufe der Jahre eine enge Beziehung zu dem blauen Ding ohne Seitenairbags und rechten Außenspiegel aufgebaut. Letzteren habe ich übrigens direkt bei meiner ersten eigenen Fahrt mit dem gerade nagelneuen Führerschein verloren. Man mag es kaum glauben, aber so ein Nissan passt auch nicht in jede Parklücke. Da ich mit dem halbdemolierten Auto jedoch total verwegen und cool rüber kam, war es die Blamage durchaus wert. Oft frage ich mich, ob meine Freundin Steffi wohl jemals mit mir ausgegangen wäre, wenn ich ihr damals nicht meine verbeulte Seitentür gezeigt und die Geschichte einer umfassenden Nahtoderfahrung aufgetischt hätte.

Jetzt stehen wir beide in der Auffahrt unserer neuen Wohnung und blicken wie sentimentale Teenager einer 775 kg-schweren Rostlaube hinterher. Wobei, durch den fehlenden Seitenspiegel müsste sie sogar etwas leichter sein. Doch warum der traurige Abschied, könnte man jetzt fragen. Die Entscheidung fiel vor knapp zwei Monaten, als Steffi mir per SMS mitteilte, dass sie jetzt schwanger sei. Da neben ihrem Bauch auch Wohnung, Auto und Einkommen größer werden sollten, hatte ich meine kleine „Blaubeere“ kurzerhand auf eBay angeboten. Nicht mal eine Woche verging, schon war mein Auto plötzlich nicht mehr mein Auto, sondern das von Hardcore-Schaf89. Dieser junge Mann heißt mit richtigem Namen Daniel, kommt aus Hamburg und studiert Philosophie. „Ob er wohl weiß, dass er den dritten Gang nur bis maximal 50 ausreizen darf?“, frage ich meine Freundin. Steffi legt ihre Hand beschwichtigend auf meinen Arm und gemeinsam starren wir auf die penibel geschnittene Ligusterhecke, die nun unseren treuen Kumpanen verdeckt.

Der Neue

Der Kloß sitzt tief und langsam bewegen wir uns wieder zurück in Richtung Haustür. Hinten in der Garage steht unser neuer Citroën C4 Picasso, ein wunderbares Auto mit allem Schnick-Schnack und Sicherheitsvorkehrungen, die es so gibt. Doch es ist irgendwie noch nicht mein Auto. Es riecht nach Fabrik und schaltet ganz ungewohnt wegen des Automatik-Getriebes. Das ist vergleichbar mit einer alten und gemütlichen Jogginghose, die jeder von uns zu Hause liegen hat. Man kennt den Geruch und weiß über jedes einzelne Loch Bescheid, aber sie ist einfach viel zu bequem, als dass man sie durch eine neue Hose ersetzen will. Jetzt hab ich so eine neue Hose in der Garage stehen und die zwickt mich bereits beim Einsteigen.

„Kommst du Schatz?“ Steffi steht in der Tür und macht ein besorgtes Gesicht. „Gleich, gleich“, murmle ich und gehe entschlossen in Richtung Garage. Ich setze mich in die Fabrik-Atmosphäre und starte den Motor. Dieser geht bereits beim ersten Versuch an – verrückt. Langsam fahre ich an meiner ratlos-dreinblickenden Freundin vorbei und biege nach links ab. Ich tippe zunächst behutsam aufs Gaspedal, dann etwas kräftiger und schließlich trete ich ganz durch. Die digitale Tachonadel huscht hoch auf 60 und ich rase gekonnt zwischen den parkenden Autos hindurch, bis zur Abbiegung, hinter der meine alte Blaubeere verschwunden ist. Mit einem irren Blick und einem leichten Schwenker zur Seite nähere ich mich gefährlich dem Rand der Straße, es gibt einen hässlichen Krach und quietschend kommen meine Reifen zum Stehen. Benommen sehe ich im Rückspiegel, wie Steffi auf mich zu gerannt kommt und ich steige aus meinem nicht mehr so ganz makellosen Neuwagen aus. Mit dem Auge eines Kenners umrunde ich das Auto und sehe am Rand von Frau Sieferts ramponierter Hecke meinen rechten Außenspiegel liegen. Ich grinse und sehe bereits die schrullige Frau Nachbarin, wie sie fluchend und schimpfend am Fenster steht.

„Kommst du Schatz?“ Steffi steht in der Tür und macht ein besorgtes Gesicht. Ich schüttle meinen Kopf und werfe noch einen Blick auf den neuen C4 Picasso in der Garage. „Wir werden uns schon arrangieren, mein Freund.“

 

Quelle: carmour, C. Flato