style und design

Akustik-Design – Der Sound der Sitze

Foto: Johnson Controls

Lärmende Werbeblocks in TV und Radio kennt jeder. Aber die Marketing-Strategen der Autohersteller können auch ganz leise sein. Sie zielen auf das Unbewusste, um den Kunden emotional zu packen. Zum Beispiel bei der Akustik von Sitzen.

Es sirrt. So leise, dass ich es gerade noch höre, gleitet der Sitz, auf dem ich Platz genommen habe, in seine neue Lage. So habe ich das erwartet. Für den Mann neben mir ist das kein schlichter Vorgang: „Das individuelle Geräuschprofil eines Sitzes muss den Anspruch des Kunden akustisch umsetzen und zum Innenraum des jeweiligen Fahrzeugmodells passen.“ Daran habe ich erstmal zu knabbern.

Hörerlebnisse sollen markenspezifisch sein

Ich befinde mich in einer Einrichtung, von deren Existenz und Zweck ich bis vor Kurzem keine Ahnung hatte: dem Sound & Vibration-Labor  der Firma Johnson Controls in Solingen. Der freundliche Mann mit dem komplizierten Satz, der jetzt mit mir aus dem Auto steigt, heißt Stefan Lingnau und ist der Leiter dieser sehr speziellen Business Unit. Ich lasse die Tür achtlos und mit Schwung  zufallen. Lingnau öffnet sie wieder und schubst sie sanft, so dass sie mit einem zarten Klack in die Verriegelung schlüpft. „Die Türen eines Mittel- oder Oberklassemodells vermitteln beim Schließen ein markenspezifisches Hörerlebnis. Mit dem Sound Design von Sitzen setzen wir dieses Erlebnis auch im Innenraum konsequent fort“. Aha.

Sound-Management kostet Millionen

Ich schaue ihn zweifelnd an, aber im Verlauf der nächsten Stunde wächst mein Staunen. Hier wird ein immenser Aufwand betrieben. Was für den Fahrer an der Schwelle der akustischen Wahrnehmung angesiedelt ist – entweder fast unhörbar oder Alltagsgeräusch –, definieren die Spezialisten des Sound Managements als wichtigen Bestandteil der Markenausprägung von Autoherstellern. Und die geben offenbar viele Millionen Euro aus, um scheinbar banale Geräusche zu optimieren, denn die Akustik-Testreihen, die hier vorgenommen werden, umfassen zwischen tausend und dreitausend Versuche.

Geräuschlos soll der Autositz nicht sein

Für mich war ein Autositz bisher dafür da, dass man nicht im Stehen fährt wie im Bus. Bequem soll das Gestühl sein, Seitenhalt und Sicherheit bieten, vielfach verstellbar sein und nicht klappern und knarzen. Aber auch nicht gänzlich geräuschlos. Eine elektrische Sitzverstellung, die nicht zufrieden surrt, lässt ihren Nutzer an deren Funktion zweifeln. Und so arbeitet in Solingen ein Team von Akustikingenieuren an der komplexen Aufgabenstellung, Autositzen einen möglichst  wertigen Klangeindruck zu verschaffen.

Markenprodukte haben ihren Sound

Mir kommt das ein wenig, nun ja, schräg vor. Lingnau begegnet meiner Skepsis bezüglich Aufwand und Ertrag für den Konsumenten mit Beispielen aus anderen Bereichen. Von morgens bis abends sind wir von unzähligen Produkten mit individuellem Sound umgeben – vom Verschlussgeräusch der Shampoo-Flasche bis zum Knuspern von Kartoffelchips im Mund. Die sollen es idealerweise bei einem Druck von 276 Millibar im Mund krachen lassen. Für Produkte werden also Geräuschprofile entwickelt, fast nichts ist zufällig, sondern wird als allgegenwärtiges, von Marketing-Experten orchestriertes Hintergrundrauschen der technischen Zivilisation inszeniert. „Und wir wollen eben ein ganz bestimmtes sonores Summen eines Autositzes bei der Höhenverstellung“, erläutert Lingnau nüchtern.

Akustik-Engeneering

Der Fahrzeugsitz ist für das Sound Engeneering eine Herausforderung, weist er doch als eines der mechanisch komplexesten Teile im automobilen Innenraum zahlreiche Störgeräuschquellen auf: Getriebe, Schienen, Federn, elektrische Antriebe – alles kann ruckeln, rappeln und quietschen. Bereits im Konstruktionsstadium ist es das Ziel des Akustik-Ingenieurs, unangenehme Geräusche auszuschließen und dafür zu sorgen, dass ein Sitz gut klingt. „Gut“ beschreibt der Experte in diesem Zusammenhang mit „wertadäquat“. Neben der physikalischen Akustik sind dabei die Methoden und Erkenntnisse der Psycho-Akustik wesentlich für die Ingenieure. Denn was ist technisch gemeint, wenn ein Sitz „quietscht“, „rasselt“ oder „knackt“?

Klitzekleine Geräusche, riesiger Aufwand

Mit Hilfe so genannter „Geräuschmuster“ werden subjektive Wahrnehmungen von Geräuschen erfasst, beschrieben, messbar und reproduzierbar gemacht. Klitzekleine Geräusche, riesiger Aufwand, wie an der Menge von Prüfständen und Messinstrumenten, in denen sich eigens entwickelte Software befindet, unschwer zu erkennen ist. Akustik-Entwicklung und -Kontrolle ist bei Johnson Controls ein weltumspannendes Unterfangen. Wenn etwa um vier Uhr morgens deutscher Zeit in Brasilien ein Sitz quietscht, wird das Geräusch in Solingen sofort aufgezeichnet  und später am Monitor analysiert und bewertet. Am Ende dieses aufwendigen Prozesses steht ein optimal gestaltetes und aufeinander abgestimmtes Soundprofil jedes einzelnen Sitzes. Und wie das zu klingen hat, definiert jeder Hersteller anders. Denn alle Geräuschquellen in einem Auto – Blinker, Tür, Sitz … – werden so aufeinander abgestimmt, dass jede Marke ihre eigene Sound-Identität erhält und so das Markenprofil schärft.

Ich verlasse das Solinger Sound Labor mit ambivalenten Eindrücken. Es ist imponierend, wie menschliche Ingenieurskunst in jede Nische unserer Sinneswelt einzudringen vermag – und erschreckend. Die großen Manipulatoren der Gegenwart sitzen augenscheinlich nicht nur im Kreml oder anderen Schaltzentralen der Macht. Sie werkeln auch in der Provinz in Solingen und verändern von dort aus unsere Welt. Ganz still und leise.

Quelle: carmour

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