blog

Karins Blog: Neulich auf der Probefahrt

Foto: Getty Images

Autos verkaufen wird immer schwieriger, die Theorien zum Marketing immer verkopfter und verschwurbelter. Dabei könnte alles so einfach sein - wenn man mal den Praktiker machen lässt.

Kennen Sie  mad? Genau, diesen 70er-Jahre-Satire-Comic mit dem sommersprossig-zahnlückigen Titelhelden Alfred E. Neumann, heute wieder Kult bei den 13-18jährigen. Da beginnen die meisten absurden Geschichten mit Floskeln wie „letzten Mittwoch im Krankenhaus…“ oder „neulich in der Einbahnstraße“ und enden gern tragisch aber immer pechschwarz lustig.

Unsere absurde Geschichte beginnt „am Casual Friday“ (keine Krawatte heute) mit einem Agentur-strukturierten Meeting in der Edelholz-furnierten Marketingabteilung eines westdeutschen Autoherstellers und endet „letzten Monat“ mit der normativen Wucht des Faktischen in der knietiefen sächsischen Provinz. Die jugendlich-dynamischen Anzugträger (heute ohne Krawatte) brainstormen fern des Point of Sale über die Händlereinführung eines dynamischen neuen Modells, das endlich mal – tolle Idee von der Lead-Agentur – jüngere und weibliche Käufer zur Marke locken soll. Unter dem Motto „Lifestyle“ und branchenübergreifende Präsentationen.

Draußen an der Front in Knattertitz bei Dresden ahnt Autoverkäufer Maik Z., neu bei der Marke und neu in diesem Autohaus – eine Perle seines Fachs, erfahren, aber nicht zu abgebrüht – noch nichts vom Glück der neuen Strategie aus dem Westen. Die hat sich nämlich von der Marketing-Abteilung über die Lead-Agentur, die regionale Agentur bis zur in der sächsischen Pampa angesiedelten Eventagentur Blue Tiger durchdelegiert.

Und denen sind beim Thema junge und weibliche Kunden – naheliegend – Klatsch, Tratsch und nackte Tatsachen eingefallen. Für die Produkteinführung – neben Autos auch Fashion, Accessoires, Frisuren und Kosmetik – wird beim örtlichen Knattertitzer Einzelhandel nun mit dem Motto „Paparazzi Night for Ladys“, Vollzug im örtlichen Großgasthof, geworben. Maiks neue Chefin, eine attraktive und sehr geschäftstüchtige Blondine, will keine Chance ungenutzt lassen. Und Maik, der schnuckelige neue Verkäufer, soll neben den blitzenden Automodellen die Hauptattraktion werden. „Du Süßer, du machst das schon“, flötet sie und streicht dabei mit ihrem langen Acrylfingernagel zärtlich über seine dreitagestoppelige Wange.

Freitagabend. Die zwei blank gewienerten neuen Autos und ein hochmotivierter Maik Z. in seinem schicksten Anzug (heute mit Krawatte) haben vor dem Gasthof Aufstellung genommen. Doch statt der erhofften und erwarteten Besucherinnenströme von gestylten Besserverdienerinnen im paarungsfähigen Alter ziehen mehrheitlich resolute Damen mit praktischen Kurzhaarfrisuren der Generation 40 Plus an Maik Z. vorbei. Heimlich zählt er mit. 62 Teilnehmerinnen. Schluss.

Ob es daran liegt, dass sächsische Provinzlerinnen einfach keine Lust auf Uralt-Storys von Britney Spears ohne Schlüpfer unterm Mini oder eine popelnde Charles-Gattin Camilla mehr haben: Jedenfalls verpuffen die vermeintlichen Skandal-News über die Schönen und Reichen, die teilweise über zehn Jahre auf dem Buckel haben, wirkungslos in der recht freimütig gähnenden Damenrunde. „Worum erzähln die denn nüscht über Helene Fischer oder unseren Flori“, fragt eine Mittsechzigerin enttäuscht in die Runde und bestellt sich das dritte große Bier.

Lokale Models, die wie Klone von Carmen Geiss aussehen, geben alles, um die Klamotten, Handtaschen und Sonnenbrillen der örtlichen Händler verkaufsfördernd zu präsentierten. Doch der Einsatz verpufft unter den grimmigen Gesichtern im Zuschauerraum. Das treibt nicht nur Maik Z. den Sorgenschweiß auf die Stirn. Trotzdem machen alle Händler gute Miene zum bösen Spiel. Naja, auch für Autohändler, Boutiquenbesitzerinnen und Friseure gilt die alte Branchenweisheit: There’s no Business like Showbusiness.

Pause, ein paar Damen gehen raus zum Rauchen. Dabei gucken sich endlich zwei offensichtlich beste Freundinnen eingehender die Autos und den attraktiven Maik an. „Na, Kleener, gor ni schlecht hier deine Wagen“, kommentierte eine der beiden. „Hast dir nur die leider die falsche Veranstaltung ausgesucht. Du bist wohl neu hier?“ Der Verkäufer in Maik wittert das Geschäft. „Probefahren die Damen?“, fragt er. Die beiden Frauen kichern. „Jetze glei?“, fragt die Hübschere in breitestem sächsisch herausfordernd. „Jetzt gleich“, sagte Maik mit fester Stimme und festem Blick, schließt einen der neuen Auto-Stars auf und lädt sie ein, auf und dem Fahrersitz Platz zu nehmen und klemmt sich daneben.

Doreen, so heißt die Holde, startet mit Elan den spritzigen Motor. Dann heizt sie durch die Landschaft, dass Maik Hören und Sehen vergeht. Auf einem kleinen, versteckten Parkplatz im Wald hält sie an. Auf einmal findet Maik die resolute Sächsin sogar recht anziehend. Sie fragt: „Hat der auch Liegesitze?“

Als die beiden zurückkommen, ist die Party over. „Lasse mal guggen, ob wir och nischt an dem Wagen verwürscht haben“, flötet Doreen. Sie unterzieht das Auto im Schein der Straßenlaterne von innen und außen einer sorgfältigen Inspektion. Dann geht sie hinaus in die Dunkelheit.

Am Montag darauf ordert Doreen bei Maik im Autohaus genau so ein Auto wie probegefahren, und stellt zudem dem Kauf von zwei Kleinwagen für ihren ambulanten Pflegedienst in Aussicht. Beim Rausgehen sagt sie: „Ihr habt einen herrlischen Kundenservice. Ich werd dich weiterempfehlen.“

Marketing-Strategie hin oder her – der Praxis-nahe Einsatz am Point of sales bringt den Erfolg. Ich sag´s ja immer: Nicht „neulich in der Marketing-Abteilung…“, sondern „letzten Samstag auf der Probefahrt…“

 

 

 

Quelle: carmour