bedenkliches

Dicke Luft im Neuwagen

Foto: Getty Images

Vor allem Allergiker und Sensible müssen sich mit einem Problem im Auto herumplagen, gegen das es keinen vernünftigen Schutz gibt: Kunststoffe dünsten Schadstoffe aus – und ihr Anteil in Auto-Innenräumen wächst.

Früher haben sich Kinder noch richtig darauf gefreut, ihre Nasen in Papas neues Auto halten zu dürfen – das roch so gut… Da war ja auch noch reichlich Benzol im Benzin und Mutti stellte das Bügeleisen zwischen zwei Windeln auf einem Asbest-Brettchen ab. Heute sind wir alle zum Glück ein wenig sensibler und fragen uns, was wohl welches Material im Auto ausdünstet und welche Folgen das auf Umwelt und Gesundheit haben kann. Es gibt viel mehr Vorschriften und Grenzwerte, aber auch ständig verbesserte Messmethoden. Parallel wächst die Gruppe der Allergiker und Chemie- beziehungsweise Umweltsensiblen, die auch in ihrer Wohnumgebung mit allerlei Schadstoffen in Möbeln konfrontiert sind.

Kein Auto ohne Kunststoff

Vor allem für diese Menschen, aber auch für Vielfahrer kann der Aufenthalt im Auto gesundheitlich  problematisch werden. Denn in Türverkleidungen, Armaturenbrettern oder Mittelkonsolen lauert Novodur, Hutablagen oder Kühlwasserbehälter bestehen oft aus Durethan. In modernen Autos sind zwischen 100 und 200 Kilo an Kunststoffteilen verbaut, in denen mehr als 50 Zusatzstoffe nachweisbar sind. Die Palette reicht von Acetaldehyd, Aceton und Benzol über Phenol und Styrol bis hin zu o-Xylol. Mehrere Kassenschlager der Chemie-Industrie sind dabei besonders häufig vertreten wie etwa  ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere) oder der Polyurethan-Schaum PUR. Schleimhautreizungen, Augenbeschwerden, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen – die Palette möglicher Beschwerden durch Ausdünstungen ist breit. Und: Studien zeigen, dass dies nicht nur Thema bei Billigautos ist, sondern ein weit verbreitetes Phänomen. Heute geht in unserer Welt praktisch nichts mehr ohne Kunststoff. Auch wenn dessen gezielter Einsatz aus funktionellen, finanziellen oder oft schlicht aus Gewichtsgründen unumgänglich ist und den meisten auch keine unmittelbaren Beschwerden bereitet – Plastik ist ein Problembär. Umweltbelastung durch Kunststoffmüll im Meer ist ebenso ein großes Thema wie schwieriges Recycling und Klimabelastung durch Kunststoff-Herstellung und –Verbrennung in der Auto-Produktion.

Beschwerden vor allem im Neuwagen

Plastik und seine Zusatzstoffe im Auto können durch hohe Konzentration an Ausdünstungen aus Polstern, Bodenbelägen, dem Feuerschutz der Elektronik und aus Farb- und Gerbstoffen von Lederbezügen bei empfindlichen Neuwagen-Insassen zu unmittelbaren Reaktionen des Körpers führen. Schleimhautreizungen, Augenbeschwerden, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen sind dann die Folge. Und das nicht nur bei Allergikern. Was im Büro oder zuhause für kaum einen Empfindsamen spürbar wäre, ist im engen Innenraum eines Autos oft problematisch. Nirgendwo sonst verstärken schlechte Lüftungsmöglichkeiten und ungeschützte Hitze-Einwirkung in den wärmeren Monaten die Gemengelage. Ausdünstungen von innen vermischen sich mit Schadstoffen von außen, vor allem im Stau und Stadtverkehr.

Ein Mix von draußen und von drinnen

Bereits Ende der 90er Jahre hat der Kieler Toxikologe Hermann Kruse die Innenraumluft von PKW untersucht. Bereits damals wurden mehr als 50 Schadstoffe nachgewiesen. Bei einem längere Zeit abgestellten PKW wies er einen Schadstoffgehalt von 2-3 mg pro Kubikmeter Luft nach. Damit lag die Belastung um 1 mg über der von Umweltmedizinern gerade noch als verträglich eingestuften Konzentration von 1-2 mg und sank erst nach intensiver Belüftung auf einen niedrigeren, aber immer noch zu hohen Wert ab. Geschlossene, unbelüftete Auto-Innenräume sind besonders betroffen. Die Belastung im Neuwagen lässt zwar nach ein paar Monaten nach. Doch auch danach treffen Innenraum-Dünste auf Kohlenmonoxid und Stickoxide, die durch die Benzin-Verbrennung entstehen und die von draußen ins Wagen-Innere gelangen. So schaukeln sich potenzielle  Gesundheitsbeschwerden hoch. Auch die österreichische Umweltorganisation Global 2000 ist im Jahr 2005 zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Im Rahmen einer dort durchgeführten Studie wurden sechs Neuwagenmodelle (Opel Astra, Mercedes E220, Renault Mégane, VW Golf, Alfa Romeo 147 und Mitsubishi Colt) untersucht. Allen gemeinsam war die hohe Konzentration an leicht flüchtigen organischen Verbindungen. Und der Trend zum Kunststoff im Auto ist ungebrochen, er macht die Fahrzeuge schließlich leichter – damit sparsamer -, sicherer und letztlich auch preiswerter. Plastik-Dunst bleibt unser unsichtbarer Beifahrer.

Quelle: carmour

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