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Feuer, Säure, Pflanzengift – wie die EU das Klima schützt

Fotos: Getty Images

Die EU hat vor 25 Jahren die Autohersteller dazu verdonnert, für Klimaanlagen ein Kühlgas zu verwenden, das hochexplosiv und dazu über 1000mal schädlicher ist als Kohlendioxid. Ein bürokratisches Trauerspiel und umweltpolitisches Desaster.

Wenn das große Geld ins Spiel kommt, spielt Klimaschutz ganz schnell keine Rolle mehr. Ein trauriges Beispiel mit langer Vorgeschichte sind die Auto-Klimaanlagen. Schon Anfang der 90er Jahre wurde FCKW-haltiges Kühlmittel als Klimakiller identifiziert und zügig aus den Auto-Klimaanlagen verbannt. Ein neues Kältegas mit der Bezeichnung R 134a wurde vorgeschrieben. Das kühlt weniger, belastet aber die Umwelt mehr. Tausendmal mehr oder genauer: R 134a ist 1430mal schädlicher als Kohlendioxid. Wehe es entweicht beim Befüllen oder durch einen Defekt in die Atmosphäre!

Eine neue Verordnung

Also erließ das Europäische Parlament 2006 eine neue Verordnung. Die besagte, dass spätestens ab 2011 in den vom Kraftfahrtbundesamt neu typgeprüften Pkw nur noch solches Kältegas verwendet werden dürfe, das höchstens ein Zehntel so belastend war. Wie das gehen sollte, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand so recht. Ein paar Wissenschaftler experimentierten mit CO2 als Ersatz für R134a. Der Haken war, dass    der Einsatz von Kohlendioxid in den herkömmlichen Klimaanlagen nicht funktioniert. Es mussten also neue Konstruktionen her, die unter anderem viel höheren Drücken standzuhalten hatten. Das aber hätte erhebliche Investitionen erfordert und die Autos zunächst um einen dreistelligen Eurobetrag verteuert. Also ruhte die Entwicklung erst einmal.

Monopol winkt mit Milliarden

Da präsentierten wie Kai aus der Kiste die beiden amerikanischen Chemie-Giganten Honeywell und Dupont plötzlich eine zunächst schlüssig scheinende, einfache Lösung: das neue Kältegas R-1234yf, chemisch Tetrafluorpropen, das für die Atmosphäre nur noch viermal so schädlich ist wie CO2. Es wurde weltweit zum Patent angemeldet, in China entstand eine neue Fabrik für die Produktion des Kühlmittels. Ein Monopol winkte mit Milliarden-Gewinnen. Nach Risiken und Nebenwirkungen fragte niemand.

Crashtests mit verheerendem Ergebnis

Als sich der Bau der Fabrik verzögerte, verlängerte die EU-Kommission die Frist der Anordnung bis zum 1. Januar 2013. Seit einem halben Jahr müssten also schon alle neu typgeprüften Pkw mit dem neuen Mittel ausgestattet sein. Doch dann führte Mercedes Crashtests durch – mit verheerendem Ergebnis:

Brennendes Auto

Das Kühlmittel, das bis dahin als schwer entflammbar gegolten hatte, entzündete explosionsartig den gesamten Motorraum. Beim Frontalzusammenprall riss der Schlauch einer Klimaanlage, das ausströmende Kältegas sprühte auf den heißen Motor – und wusch. Die Malaise wiederholte sich bei rund 50 weiteren Tests.

Lebensgefahr nach Unfällen

Schlimmer noch als das Feuer war die nachfolgende chemische Reaktion. Plötzlich verwandelte sich R-1234yf  in hochgiftige, ätzende Flusssäure – lebensgefährlich für Unfallopfer und Notfallhelfer. Experten wie der Münchner Chemieprofessor Andreas Kornath warnen sogar vor Terroranschlägen mit dem Teufelszeug. Wenn sich das Kältemittel  nämlich weltweit durchsetzt, stehen die Servicegeräte in jeder Werkstatt.

Daimler Benz jedenfalls handelte sofort: Das Mittel kam auf die Verbotsliste, Mercedes-Modelle, die bereits mit dem neuen Gas ausgestattet waren, wurden in die Werkstätten zum Austausch gegen das alte Kältemittel zurückgerufen. Alle anderen Neufahrzeuge aus der schwäbischen Metropole, die eigentlich laut EU-Vorschrift mit R1234yf ausgeliefert werden sollten, erhielten wieder das alte Mittel.

Die Hersteller tricksen die EU aus

Den Stuttgartern wandeln damit auf einem schmalen Grat: Personensicherheit und die Vermeidung teurer Fälle von Produkthaftung statt Einhaltung von geltendem EU-Recht. Andere Hersteller, Volkswagen etwa, die nach wie vor das alte Mittel verwenden, tricksen die Brüsseler Bürokraten legal aus. Sie stellen seit dem 1. Januar 2011 kein neues Auto zur Typprüfung beim Kraftfahrtbundesamt vor, sondern nennen ihre Neuvorstellungen wie zum Beispiel den Golf VII schlicht „Weiterentwicklungen vorhandener Fahrzeuge“.  Alle anderen deutschen Automarken sowie Toyota schlossen sich an, verwenden weiter das alte, sichere, aber umweltschädigende Kühlgas und plädieren für einen Einsatz von Kohlendioxid in den neu zu entwickelnden Klimaanlagen. Was allerdings, schade Umwelt, noch bis zu sechs Jahre Entwicklungszeit erfordern könnte.

Ein Kältemittel, das zum Pflanzengift mutiert

Und nach und nach wurden weitere bedenkliche Eigenschaften von R-1234yf bekannt. So veröffentlichte die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ein Gutachten wonach es sich in der Atmosphäre vollständig in Trifluoressigsäure, ein äußerst langlebiges Pflanzengift, umwandelt. Auf Basis der Verluste des alten Kältemittels rechneten die Schweizer allein für Europa eine jährliche Belastung durch dieses Gift mit 19.000 Tonnen aus. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) will jetzt in eigenen Testreihen prüfen, wie gefährlich das Klimamittel tatsächlich ist. Und auch die EU will nun immerhin die Risiken neu bewerten lassen – droht aber zugleich mit Vertragsverletzungs-verfahren gegen unbotmäßige Autohersteller.

Klimaschutz kann nicht mehr warten

Das politisch-bürokratische Gezerre hat dazu geführt, dass auf deutschen Straßen bereits mehr als 10 000 Fahrzeuge unterwegs sind, die das Mittel R-1234yf an Bord haben. Vor ihnen fürchtet sich selbst die Feuerwehr und fordert ein Verbot des Mittels. Bis es soweit ist, operieren deutsche Hersteller weiter in einer von Brüssel geschaffenen Grauzone. Seit 2006 sind sieben Jahre vergangen, in denen niemand nach einem klimafreundlichen und sicheren Kältemittel geforscht hat und in denen die Arbeiten an Alternativen weitgehend eingestellt wurden.

Trauriges Fazit

Und nun? Die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen sind dick und grün wie Erbsensuppe, Marketing und Werbung klimpern auf dem Klavier der Green Mobility, aber wenn es ans Eingemachte geht, wenn Handeln statt Reden angesagt wäre, spielt man das Spiel von den drei Affen. So werden wir wohl noch ein paar Jährchen das Klima 1430mal so stark schädigen wie technisch unbedingt nötig – letztlich wegen einer EU-Verordnung von vor fast 25 Jahren.

Quelle: carmour

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