bedenkliches

Peking, der Smog und das Auto – Mobilität am Rande des Wahnsinns

Fotos: Getty Images

Wenn der Flieger aus Frankfurt in Peking zur Landung ansetzt, steigt der Blutdruck von Jian Wang langsam an. Dann beginnt seine Leidenszeit hinterm Steuer in einer Stadt, für die, so der redegewandte Vielsprachler, der Begriff „zur Hölle fahren“ erfunden wurde.

Der junge Mann, der sehr erfolgreich Naturdärme für Würste in Deutschland vertreibt und ständig zwischen zwei Welten pendelt, lacht nur gequält, wenn seine Unruhe vor der Landung als Flugangst interpretiert wird. Nein, Jian graust es, weil er kurz nach der Landung in den Mietwagen steigen muss.

Peking hat 20 Millionen Einwohner, fünf Millionen Autos und ein massives Problem: Smog. Die Luftverschmutzung hat im Januar 2014 solche Ausmaße angenommen, dass staatliche Stellen sie nicht mehr ignorieren können. Die Sonne dringt tagsüber in Peking kaum noch durch, den Einwohnern wird das Tragen von Atemschutzmasken empfohlen. Mehrere Autobahnen in der Umgebung von Shanghai und Peking wurden gesperrt.

Es ist die dritte große Smogwelle binnen eines Jahres, die Teile Ost- und Zentralchinas erfasst hat. Die US-Botschaft nimmt seit Jahren eigene Feinstaubmessungen vor und hat vor einigen Monaten Ergebnisse veröffentlicht, bei denen man zunächst an Messfehler glaubt: 884 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft. Zum Vergleich: die Weltgesundheitsbehörde sieht ab 25 Mikrogramm pro Kubikmeter die  Gesundheit beeinträchtigt. Werte um 300 treten zum Beispiel bei Waldbränden auf.

Ursache für die hohe Konzentration an Feinstaub sind die vielen Kohlekraftwerke und der rasante Anstieg des Autoverkehrs. Der Traum vom eigenen Auto, den sich mehr und mehr Chinesen erfüllen, wird in der Hauptstadt längst zum Alptraum. Die Regierung sprach jahrelang von „Nebel“, wenn die Luft nach Kohle, Schwefel und Abgasen stank. Da sich die Zusammensetzung des Drecks in den letzten Jahren verändert hat – weniger Industrie-, dafür umso mehr Autoabgase – hat sich die Stadtverwaltung zu teils drastischen Maßnahmen gezwungen gesehen. Um dem täglichen Verkehrskollaps gegenzusteuern, wurde die Zahl der jährlichen Neuzulassungen, die im Jahr 2010 bei 700.000 Pkw lag, auf 240.000 eingebremst. Eine Lotterie verlost nun jeden Monat 20.000 Nummernschilder. Und im Verlauf des Jahres sollen bis zu 180.000 Fahrzeuge mit alten Verbrennungsmotoren aus dem Stadtgebiet verbannt werden.

Lücken in der Blechlawine tun sich selten auf, und wenn doch, offenbart sich eine Fahrkultur, die für den europäisch geprägten Jian inzwischen schwer erträglich ist. Der landläufige Pekinger Automobilist fährt mit Ellenbogen, die fast körperlich spürbar sind. Rücksichtnahme ist Schwäche, Verkehrszeichen oder rote Ampeln sind bestenfalls Empfehlungen, die man situativ beachtet oder ignoriert. Entsprechend hoch ist die Unfallquote. Ein Formel 1-Pilot hat vor dem Rennen in Shanghai seine Fahrerlebnisse auf Chinas Straßen so zusammengefasst: „Wenn Du an einer Kreuzung stehst, schaust Du am besten nach links und nach rechts, dann nach vorne und nach hinten; und zuletzt nach oben – wegen der Trümmerteile, die jeden Augenblick vom Himmel regnen können.“

Hat sich Jian oft nach Stunden endlich durch den Stau gequält, erwartet ihn das nächste Problem: Im Stadtgebiet fehlen ca. 2.5 Millionen Parkplätze. Ständig gibt es Rabatz zwischen Anwohnern wegen zugeparkter Straßen und vollgestellter Hinterhöfe, Parkhäuser sind verstopft und ein privater Stellplatz in einer Tiefgarage kostet locker bis zu 25.000 Euro.  Ein weiteres Ärgernis sind falsche Parkwächter, die Gebühren für Gratis-Parkplätze kassieren. “Gefälschte Parkplätze sehen den Echten so ähnlich, dass selbst Mitglieder der Stadtverwaltung sie nicht unterscheiden können”, schreibt die Peking Times. Echte „Knöllchen“ für Falschparker sind übrigens teuer – umgerechnet bis zu 25 Euro – und bringen zwei Punkte: Auch in China gibt es eine Verkehrssünder-kartei, und bei zwölf Punkten ist Schluss mit lustig.

Jian hat bisher weder in Deutschland noch in China Punkte auf dem Konto. Für ihn und seine Frau Ru steht aber fest, dass ihr Lebensmittelpunkt in den nächsten Jahren Hamburg bleibt. Eine baldige Rückkehr in die Heimatstadt Peking schließen sie aus, weil „das dem Kind nicht zuzumuten ist.“ Die Wangs haben einen einjährigen Sohn.

Quelle: carmour