reise

Route 66, Amarillo und das Big Texan

Foto: carmour

Amarillo – welch ein klangvoller Name. Daran ist Tony Christie schuld – und das Big Texan. Vegetarier sollten es weiträumig umfahren.

Schmacht-Tenor Tony Christie besang die kleine Stadt im großen Texas bereits 1971, wurde mit dem Ohrwurm Liebling aller Feierbiester und sogar Nummer eins in den deutschen Charts. Amarillo heißt gelb auf spanisch – je nachdem welcher Theorie man Glauben schenkt wegen der vielen gelben Blumen, die in dieser trockenen Gegend blühen sollen oder – eher einleuchtend – wegen des gelben Sandes und der gelben Gesteinsformationen. Eine Touristen-Attraktion ist das hispanische Städtchen eher nicht. Warum Tony Christie unbedingt hinwollte? Der Liebe wegen – „Sweet Maria“ wartete dort auf ihn. Auf alle anderen lauert das Big Texan.

Die Route 66

Die meisten Touristen aus Übersee kommen nach Amarillo, weil für sie der Weg das Ziel ist: Die alte Route 66, Mutter aller Straßen und zentrales Objekt der Sehnsucht aller 50er- und 60er-Jahre-Nostalgiker führt hier durch. Zigtausende von Reisenden befahren sie alljährlich in Leih-Autos oder auf Harleys auf der Suche nach dem alten Amerika, wie Peter Fonda als „Easy Rider“. Und hier, in Amarillo, ist Halbzeit auf der langen Reise von der „Windy City“ Chicago bis zum Pazifik-Strand von Santa Monica. Und da steht es – das Big Texan. Diese ganz in Gelb gehaltene Steak Ranch wird garantiert niemanden von seinem hart erarbeiteten Vorurteil abbringen, Amerika sei kulinarisches Ödland. Und Vegetarier wird’s grausen. Alles ist „big“ hier, grell und so typisch texanisches Klischee, dass es fast weh tut. Draußen stehen überlebensgroße Statuen eines Cowboys und eines Bullen, dazu eine Flotte weißer Limousinen mit Long-Horn-Trophäen am Kühler. Es ist Macho-Reinkultur.

The Texas King

Die Gäste des Big Texan lieben das, vermutlich wirkt es appetitanregend. Denn hier drinnen, im riesigen, lärmigen, mit Devotionalien und Souvenirs zugestellten Restaurant, geht es für den Esser nur um eines: sich bis zur Halskrause vollstopfen mit beef. Denn hier geht es seit 1960 um das größte Steak der Welt – behauptet das Big Texan: „The Texas King“ wiegt 72 Unzen oder mehr als 2 Kilo. Für die digital-vegetarische Generation: groß wie ein 13-Zoll-Notebook, aber dreimal so dick. Dazu wird ein Brötchen mit Butter gereicht, eine überdimensionierte Folienkartoffel mit Sahnequark, ein Schüsselchen Bohnen, ein Krabbencocktail und ein Salatteller. Wer den „Texas King“ bestellt, darf an einem erhöhten Tisch gleich vorn vor dem Tresen Platz nehmen und 72 Dollar bezahlen. Wenn das Essen serviert ist, läuft im Hintergrund eine rote Digitaluhr.Schafft der Gast seine Riesenportion samt aller Beilagen in einer Stunde, erhält er sein Geld zurück, sein Name bekommt einen Platz auf der Ehrenliste des Big Texan.

Profi-Schlinger und Gescheiterte

Über 9.000 meist männliche Vielesser stehen mittlerweile auf der Liste. Nahezu 50.000 sind an der kalorienreichen Herausforderung gescheitert.  Einer meinte, nach 20 Minuten „ist der Geschmack einfach stehen geblieben. Auch wenn Du nicht voll bist, kommst Du dann nicht weiter.“ Ein anderer Loser sprach schlicht von „einer Kuh ohne Beine“… Eine kleine, ältere Dame aus Nevada dagegen rettete die Ehre der fleischessenden Frauen: Sie holte sich die Siegerurkunde innerhalb von zehn Jahren siebenmal ab, immer unter einer dreiviertel Stunde pro Mahlzeit. Sie isst allerdings in einer eigenen Liga, als hoch trainierte, professionelle Wettkampf-Esserin… Hallo Amerika. Rekordhalter ist seit 2008 ein anderer Profi-Schlinger: Joey Chestnut aus Kalifornien. Er ließ sich nach acht Minuten und 52 Sekunden feiern. Zu was aber richtiger Hunger imstande ist, hat ein sibirischer Tiger gezeigt: Er soll das Mega-Steak in 90 Sekunden verputzt haben. Oops…

 

 

Quelle: carmour